
Artikel der Freiburger Nachrichten
Lawinen, Steinschläge und Überschwemmungen: Die Gemeinde Jaun investierte in der Vergangenheit viel Geld in den Schutz des Dorfs und seiner Infrastruktur – und die Projekte gehen nicht aus.
Jaun ist eine Gemeinde, in der die Lawinengefahr ein Thema ist. Am 11. Januar 1954 ereignete sich im Bergdorf ein grosses Lawinenunglück. Nach tagelangem Schneefall lagen die Schneemassen hoch aufgetürmt an den steilen Hängen. Erst gab es kleinere Lawinen im Fang, dann gingen grössere zwischen Im Fang und Jaun nieder. Schliesslich kam es im Dorf Jaun innerhalb von etwa drei Stunden zu einer Serie von Lawinenniedergängen. Sie erfassten Scheunen, Ställe, Häuser und Werkstätten, rissen Wald und Felsen mit sich und beschädigten Strassen. Etwa 50 Haushalte mussten evakuiert werden. Das Resultat: 3 komplett zerstörte Wohnhäuser, 8 teils schwerbeschädigte Häuser, 3 zerstörte Alphütten sowie 10 teils stark beschädigte Scheunen. Menschen kamen wie durch ein Wunder ohne grössere Verletzungen davon. Am Ende gab es 83 Schadensfälle alleine aus der Gemeinde Jaun. Man sprach von rund einer Million Franken Schaden …
Die Bevölkerung lebt nicht in Angst vor allfälligen Lawinen. Doch wir sind uns der Gefahr bewusst.
Regelmässige Lawinenniedergänge
Das ist jetzt 72 Jahre her. Ein Ereignis dieses Ausmasses hat sich seither in Jaun nicht mehr wiederholt. Doch registriert man in Jaun jedes Jahr Dutzende kleine Lawinen, beispielsweise im Sektor Ritzli Alp. «Sie richten normalerweise keinen Schaden an», erklärt Jochen Mooser, Ammann von Jaun. Dass dies auch so bleibt, dafür sorgen vor allem die Lawinenverbauungen an den steilen Hängen oberhalb des Dorfes. Am markantesten sind etwa die Lawinenverbauungen im Bereich Jansegg-Mäder, die von weitem sichtbar sind. In anderen Gebieten wie bei der Oberen Allmend oder zum Schutz von Im Fang stehen sogenannte Dreibeinstützen.
In Jaun lebe die Bevölkerung nicht in Angst vor allfälligen Lawinen, sagt Ammann Jochen Mooser. «Doch wir sind uns der Gefahr bewusst.» Wenn es etwa ein paar Tage nacheinander ununterbrochen schneie, erwache die Besorgnis.

Ampel für den Fall der Fälle
Im Dezember 2021 kam beispielsweise bei der Galerie Zur Eich eine grosse Lawine herunter. Die Schutzbaute hat ihren Zweck erfüllt, sodass die Strasse nicht beschädigt wurde. Allerdings gab es eine Art Rückstau, der dazu geführt hat, dass ein Teil der Schneemassen in die Galerie eingedrückt wurde. Damals sind ein paar Häuser zur Sicherheit evakuiert worden. Die nach der Galerie Richtung Jaun montierten Ampeln haben auch einen Sicherheitszweck: Startet in der Region Schopfenspitze eine Lawine, wird dies durch Radarsensoren detektiert und die Ampeln schalten automatisch auf Rot, um die Durchfahrt zu blockieren: «Wenn es zu einem Ereignis kommen sollte, wird so der Verkehr automatisch gestoppt», erklärt Jochen Mooser.
Wir müssen dann einschätzen, welche Teile der Gemeinde stark gefährdet sind und mit welchem Aufwand wir diese schützen können.
Viel investiert
Jaun hat seit dem Ereignis von 1954 sehr viel Geld in den Lawinenschutz investiert. Mit kantonalen Subventionen und Beiträgen von Dritten wie der Schweizer Patenschaft für Berggemeinden sind rundherum Schutzbauten erstellt worden. Ausnahme bildet die Kantonsstrasse Richtung Jaunpass, wo vor allem diese geschützt werden muss, geht dies zulasten des Kantons.
Die meisten der Jauner Lawinenverbauungen befinden sich in der Nähe von Wäldern, wo der Wald für zukünftigen Schutz aufgeforstet wurde. Regelmässig werden Kontrollen durchgeführt, ob die Installationen ihre Funktion noch ausüben können. Wie Jochen Mooser erklärt, geschieht dies in Jaun durch den Förster bei seinen Kontrollgängen durch die angrenzenden Waldgebiete.

300 statt 100 Jahre
Derzeit läuft kein neues Lawinenverbauungsprojekt in Jaun. Doch besteht mittel- bis langfristig Handlungsbedarf. Jaun hat vor einigen Jahren die Naturgefahrenkarte aktualisiert und wäre eigentlich in Bezug auf Lawinen-Schutzmassnahmen à jour gewesen. «Mit dem neuen kantonalen Richtplan haben sich 2018 jedoch die Vorschriften geändert», erklärt er. «Neu wird vorgeschrieben, dass die Infrastruktur für 300-Jahr-Ereignissen analysiert werden, vorher waren 100-Jahr-Ereignissen der Standard.»
Das heisst, die Gemeinde muss alle Naturgefahren in Hinblick auf ein Grossereignis neu beurteilen, auch das Lawinenrisiko. «Wir müssen dann einschätzen, welche Teile der Gemeinde stark gefährdet sind und mit welchem Aufwand wir diese schützen können.» Bei 300-Jahr-Ereignissen geht man davon aus, dass sie zwar selten vorkommen, aber grosse Auswirkungen haben, wenn sie doch eintreffen. «Das heisst auch, dass solche Verbauungen sehr umfangreich und teuer sein werden.» Deshalb wird die Gemeinde allenfalls prüfen, ob es andere Schutzvarianten gibt. Etwa im Fall eines drohenden Felssturzes regelmässige Kontrollen vornehmen und allenfalls präventiv Sprengungen ausführen.
Wir müssen dann einschätzen, welche Teile der Gemeinde stark gefährdet sind und mit welchem Aufwand wir diese schützen können.

Bachverbauungen im Fokus
«Momentan beschäftigen uns die Bäche mehr als die Lawinen», sagt Jochen Mooser. 2023 wurden mehrere Bachbetten und Uferverbauungen nach einem heftigen Gewitter beschädigt. Derzeit wird der Oberbach dorfaufwärts Richtung Jaunpass etappenweise hochwasserschutztauglich gemacht. Und auch im Chalet Bach in Im Fang ist die letzte von mehreren Massnahmen gegen Hochwasser noch umzusetzen. Dort gab es vor etwa drei Jahrzehnten ein grösseres Schadensereignis.

«Sorgen bereiten uns die Ereignisse mit starken Niederschlägen, die vermehrt auftreten», so der Syndic. Wenn grosse Mengen an Niederschlägen sich in einem Talkessel sammeln, können die Bäche diese nicht mehr abführen. «Das Besondere ist, dass wir solche Ereignisse jetzt auch im Winter haben. Das war bis vor ein paar Jahren nicht so.» Grund ist, dass es weniger Niederschläge in Form von Schnee gibt, dafür mehr Regen.

Lawinenforschung in der Schweiz
In Jaun hat sich 1954 ein grosses Lawinenunglück ereignet. Schweizweit gilt der Winter 1951 als Lawinenwinter. Weit über tausend Schadlawinen gingen in diesem Winter in der Schweiz. 98 Menschen starben in den Schneemassen und in Häusern. Die Lawinen beschädigten und zerstörten rund 1500 Gebäude und viel Infrastruktur. Viele Gebirgstäler waren für längere Zeit abgeschnitten. Das hatte Folgen: Der Lawinenschutz gewann an Bedeutung und die Gelder für die Schutzmassnahmen stiegen an. Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF erinnert in einer Medienmitteilung 75 Jahre nach dem Lawinenwinter 1951, der die Schweiz erschütterte, daran, wie sich der Schutz entwickelt hat. Schutzwälder und Terrassen sowie Holzpfähle im Boden in Abrissgebieten sowie Galerien über Infrastrukturen wie Strassen hatten sich bereits vorher jahrhundertelang bewährt. Nun wurde aber ein anderer Ansatz gesucht.
Am Anfang lag der Schwerpunkt auf der Forschung: Welcher Schutz passt an welcher Stelle am besten und welche Materialien eignen sich? Die Forscher haben dafür oberhalb von Davos eine Versuchsfläche angelegt, an der sie Verbautypen und Materialien ausprobierten und Daten wie Schneedruck und die Kräfte einer Lawine massen. Wie Stefan Margreth, Leiter der Forschungsgruppe Schutzmassnahmen am SLF, festhält, zeigten sich sogenannte Schneebrücken, gegliederte Stützwerke, am effizientesten. Sie ersetzten deshalb rasch die Mauern.
Als Material setzte sich Stahl durch. Beton hatte sich als anfällig gezeigt. Wasser in Rissen führte zum Sprengen einer Beton-Verbauung. Aluminium war zu weich, zu teuer und zu gut sichtbar in der Landschaft (Reflexionen).
Aus der Forschungsarbeit ergab sich 1955 eine erste, provisorische Version von Stützverbau-Richtlinien. Sie sollten Ingenieurinnen und Ingenieuren sowie der Industrie helfen, Schutzverbauungen zu planen und zu bemessen. 1961 wurde die Richtlinie «Lawinenverbau im Anbruchgebiet» offiziell. Sie wurde regelmässig überarbeitet und kommt heute auf der ganzen Welt von Japan bis Island zur Anwendung.
Die Lawinenwinter von 1999 und 2018 haben gezeigt: Dank verbesserter Lawinenschutzmassnahmen nahmen die Schäden an Menschen und Gebäuden im Vergleich zu früheren Lawinenwintern deutlich ab, hält das Institut fest. 2018 gab es in Dörfern und auf Strassen keine tödlichen Lawinenunfälle mehr. Wie wichtig die über Jahrhunderte aufgebaute Lawinenexpertise für ein Gebirgsland ist, haben mittlerweile auch die Vereinten Nationen honoriert: Am 29. November 2018 hat die Unesco, die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, den Umgang mit der Lawinengefahr in ihre Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Quelle: Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF
Hier geht es zum vollständigen Bericht über den Lawinenwinter 1951:

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