
Online Artikel der FN vom 17.12.2025
«Pädagogisch unhaltbare Zustände»: Bürgergruppe prangert in einem offenen Brief an die Erziehungsdirektion die aktuelle Lage an der Schule Jaun an.
Die Schulsituation in Jaun hat sich nicht beruhigt. Im Gegenteil, sie wirft immer mehr Wellen. Jetzt haben 392 Personen aus Jaun und Umgebung ein Schreiben verfasst. Er ist an die Staatsrätin Sylvie Bonvin-Sansonnens adressiert und macht auf die aktuelle Lage an der kleinen Schule im Greyerzer Bergdorf Jaun aufmerksam. In der Bevölkerung herrsche «Unverständnis und Konsternation». «Seit Schulbeginn dieses Jahres, also seit über drei Monaten, herrschen an der Primarschule pädagogisch schlicht unhaltbare Zustände», heisst es im offenen Brief, der auch an die Medien ging. Unter den Unterzeichnenden sind rund 140 Personen aus Jaun. Weitere 192 Unterschriften stammen von Personen aus Sensler Gemeinden, 32 aus französischsprachigen Gemeinden, der Rest aus dem übrigen Kanton oder von anderen Kantonen.
Eltern in Sorge
Der Brief macht auf den Sonderfall aufmerksam: Das kleinen Bergdorf sei von der Abwanderung bedroht. Deshalb sei eine zeitgemässe und pädagogische fundierte Schulbildung von grösster Wichtigkeit. «Auch in einem abgelegenen Bergdorf braucht es qualifizierte Lehrer», heisst es im Brief weiter. «Die rufschädigenden behördlichen Massnahmen sind für stellensuchende Lehrpersonen eher abschreckend als motivierend.»
Seit über drei Monaten herrschen an der Primarschule pädagogisch schlicht unhaltbare Zustände.
Die aktuelle Lage bereite deshalb Eltern und Bürgerinnen und Bürgern grosse Sorge. Sie stellen infrage, ob die Jauner Schuljugend die gleichen Bildungschancen hat wie andere Jugendliche im Kanton. Ihre Besorgnis gilt den Kindern, aber auch den Lehrpersonen. «Wie können Sie es als oberste Bildungsverantwortliche zulassen, dass Personen ohne pädagogische Ausbildung über Monate doppelstufige Klassen zu unterrichten versuchen?» Die Unterzeichnenden bemängeln, dass es den «auf die Schnelle» rekrutierten Stellvertretungen an Erfahrung und abgeschlossener Ausbildung mangelt.
Werden Junglehrer verheizt?
«Eltern berichten mitunter von haarsträubenden Zuständen und melden diese auch immer an die Schuldirektion und das entsprechende Inspektorat», heisst es im Brief weiter. Die 392 Personen, die unterschrieben haben, stellen der Erziehungsdirektorin die Frage, warum diese Stellvertretungen keine Unterstützungsmassnahmen erhalten und ob die Staatsrätin ihre Fürsorgepflicht als Arbeitgeberin richtig wahrnehme. «Werden diese zwar willigen, aber zweifelsohne überforderten Personen, die ihr Berufsleben noch vor sich haben, nicht leichtfertig verheizt?»
Die Unterzeichnenden stören sich daran, dass «auf die Schnelle» rekrutierte Stellvertretungen, auch ohne Erziehungserfahrung oder entsprechende pädagogische Ausbildung, unterrichten und dass ihnen Kilometerentschädigungen und sogar Hotelübernachtungen bezahlt werden. Das sei ein Schlag ins Gesicht aller ausgebildeter Lehrpersonen, die ihre herausfordernde Arbeit tagtäglich pflichtbewusst wahrnehmen.
"Es sieht so aus, als ob die kantonale Schulbehörde den verdienten Pädagogen, seine Familie und die Angehörigen aus nicht nachvollziehbaren Gründen abstrafen möchte. "
Wer führt Übertrittsgespräche?
«Besorgte Schülerinnen und Schüler und deren Eltern, die verzweifelt nach Hilfe und Unterstützung suchen, werden hingegen hingehalten und vertröstet», heisst es im Brief weiter. Leittragende seien die Jugendlichen. Die Eltern befürchten, dass ihre Kinder dadurch schlecht auf den richtungsweisenden Übertritt in die Orientierungsschule vorbereitet werden und die Bildungsrückstände nicht mehr aufholen können.
Was bisher geschah
Im November 2024 wurde bekannt, dass ein Lehrer, der mehrere Jahrzehnte an der Primarschule Jaun unterrichtet hat, freigestellt worden ist. Die Gründe blieben lange im Verborgenen. Das Amt für deutschsprachigen Unterricht hielt sich mit dem Hinweis auf das laufende Verfahren bedeckt. Vor ziemlich genau einem Jahr dann die Entwarnung: Die Erziehungsdirektion setzte den Lehrer wieder ins Amt ein und sprach ihm ihr vollstes Vertrauen aus. Er fing nach den Weihnachtsferien wieder mit dem Unterrichten an und tat dies bis Ende Schuljahr 2025. Für das Schuljahr 2025/2026 sah es erst aus, als ob dies so weitergehen würde. An einem Elternabend Ende Juni informierten Amtsvorsteher, Schulinspektorin und der Schuldirektor die Eltern, dass der Lehrer seine bisherige Klasse im neuen Schuljahr weiter unterrichten und zudem weitere pädagogische Aufgaben in einer tieferen Klasse übernehmen wird. Dann die Kehrtwendung, die auch im Brief der Bürgergruppe kritisiert wird. Auf Schuljahresbeginn erfolgte die zweite Freistellung auf unbestimmte Zeit. Auf Nachfrage der Medien gab das Amt bekannt, dass der Kanton gegen den Lehrer ein Verfahren wegen Mobbing eröffnet hat. Gemäss dem Anwalt des Lehrers, Elmar Wohlhauser, haben die kantonalen Behörden das zweite Suspendierungsschreiben mit der praktisch gleichen Formulierungen wie beim ersten begründet (wir berichteten).
Der freigestellte Lehrer wehrt sich gegen diese Behandlung. Er hat Beschwerde ans Kantonsgericht eingereicht. Das Verfahren ist noch am Laufen. Auf Anfrage sagt Anwalt Wohlhauser, dass sein Klient parallel zur Suspendierungsanfechtung die aufschiebende Wirkung beantragt hat. «Sollte diese durch das Kantonsgericht gutgeheissen werden, würde die Suspendierung des Lehrers bis zum Endentscheid aufgehoben», so der Anwalt. Folglich könnte der Lehrer seine Stelle wieder aufnehmen. Elmar Wohlhauser erwartet, dass in den nächsten Wochen mit einem Entscheid gerechnet werden kann. (im)
Die Eltern wollen wissen, wer die Beurteilungen für den Übertritt ihrer Kinder vornimmt. «Wer führt die vertrauensbasierenden und zeitintensiven Eltern- und Übertrittsgespräche? Wer zeichnet sich verantwortlich für die übertrittsrelevanten Semesterzeugnisse? Wer fällt die entsprechende Zuweisungsempfehlung?» – das sind die Fragen, die im offenen Brief geäussert werden.
Unverständnis über zweite Freistellung
Im Brief wird auch das Unverständnis ausgedrückt, wie die Erziehungsdirektion mit dem Lehrer umgegangen ist, ihn mal suspendiert hat, dann wieder ins Amt gesetzt und dann wieder suspendiert hat (siehe Kasten). «Es sieht so aus, als ob die kantonale Schulbehörde den verdienten Pädagogen, seine Familie und die Angehörigen aus nicht nachvollziehbaren Gründen abstrafen möchte», heisst es im Brief.
Stellungnahme der Bildungsdirektion
Die Direktion für Bildung und kulturelle Angelegenheiten (BKAD) geht in ihrer Stellungnahme kaum auf die im Schreiben geäusserten Vorwürfe ein. Sie könne aus Datenschutzgründen keine weiteren Informationen zum Fall geben, heisst es in der schriftlichen Antwort. Die Direktion kritisiert darin das Vorgehen der Bürgergruppe.
«Wir arbeiten engagiert, respektvoll und konstruktiv mit dem Schuldirektor, den Lehrpersonen, der Gemeinde und der Mehrheit der Eltern zusammen», schreibt die BKAD auf Anfrage. Mit Bedauern stelle die Direktion aber fest, dass einzelne Personen versuchen würden, deren Bemühungen zu untergraben. Dies insbesondere durch den offenen Brief.
Die BKAD stellt sich die Frage: «Wie sollen sich die Lehrkräfte unter solchen Umständen wohlfühlen und ihre pädagogische Arbeit mit den Kindern von Jaun ungestört ausüben können?» Die Verfasser würden durch die öffentliche Stellungnahme deutlich machen, «mit welchen Schwierigkeiten und Widerständen diese Schule konfrontiert ist», schreibt die BKAD. Und weiter: «Damit gefährden sie letztlich selbst die Zukunft der Schule in Jaun.»
Mitte August beschloss die BKAD, ein Verfahren wegen Mobbing einzuleiten, einen externen Anwalt hinzuzuziehen und einen Lehrer der Primarschule Jaun vorläufig zu suspendieren, bis Ergebnisse bekannt sind. «Damit nimmt die BKAD ihre Sorgfaltspflicht gegenüber allen Lehrpersonen und Fachkräften, die an der Primarschule tätig sind und waren, wahr», schreibt die Direktion. Die Untersuchung stehe kurz vor dem Abschluss, die BKAD rechne Anfang nächstes Jahr mit Ergebnissen. (fgo)
Im Brief wollen die Jaunerinnen und Jauner wissen, was jetzt kommt: «Folgt eine Neubeurteilung? Was hat sich der Lehrer über den Sommer zuschulden kommen lassen? Ist sich die Direktion der Tragweite eines solchen Entscheids für alle Betroffenen immer noch nicht bewusst? Wie lange soll das noch weitergehen?» Der Brief endet mit der Aufforderung an die Staatsrätin, die «begangenen Fehler» zu korrigieren.

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