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Ein halbes Jahrhundert-Tag und Nacht

Wohl das bekannteste Jauner Ehepaar porträtiert in der "Gruyère" vom 19. Dezember 2017. Deutsche Übersetzung der Bloggerin nach dem Zeitungsartikel.

Ein halbes Jahrhundert-Tag und Nacht

Letzten Herbst haben Kathrin und Gilbert Mooser ihr Lebensmittelgeschäft in Jaun übergeben, nach 51 Jahren. Grund genug für ein Portrait der beiden, deren 4 Händen und den zwei Sprachen.

 

Meine Kollegin hat ich gewarnt. "Du gehst Kathrin besuchen? Da hast du für den ganzen Nachmittag!" Da hatte sie gar nicht unrecht. Es fehlte wenig und wir wären auch den Abend geblieben. "Es stimmt, ich rede gerne. Es wird mir nie langweilig. Ich gehe vor das Haus und rede". Kathrin und Gilbert Mooser sind zwei Ikonen in Jaun. Letzten Herbst haben sie ihr Geschäft übergeben, nach 51 Jahren. un sacré bail. "Ich hatte ein schönes Leben und einen freundlichen Ehemann. Ich habe mich nie beklagt, ich war nie wütend. Wir haben viel gearbeitet aber das hat uns nie geschadet". 

Gehen wir in der Zeit zurück. Mitte der 50er Jahre macht Gilbert die Lehre bei "La Potinière" in Bulle. "Mit Marcel Philipona als Chef", präzisiert er. "Wir bekamen 20 Franken im Monat". 1959 beendet der junge Bursche die Rekrutenschule und träumt davon, auf einem Marineschiff über längere Zeit anzuheuern. Aber sein Vater stirbt plötzlich. Er will seine Mutter nicht mit dem Geschäft alleine lassen. Schade für die Ozeane, seine Zukunft ist in Jaun. "Manchmal haben wir 7 Tage hintereinander gearbeitet, die Leute assen viel Brot damals. Und es gab weniger Sorten. Heute sind wir verwöhnt. Es gab auch Leute, die haben uns nach altem Brot gefragt".

 

Ein Abend, ein Tanz

Als sechste einer Familie mit 10 Kindern wächst Kathrin in Im Fang auf. Mit 15 tanzt sie an einem Abend mit Gilbert. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Sie heiraten vier Jahre später 1965. "Wir gingen auf die Hochzeitsreise in der Schweiz und am Montag danach stand ich im Laden". Währen 51 Jahren bleibt sie da. Manchmal sagte ich, sie sei eher mit dem Laden als mit mir verheiratet", scherzt Gilbert. "Es brauchte jemand im Laden und ich liebte diese Arbeit. Zu dieser Zeit war es nicht üblich, dass die Mädchen eine Lehre machen". Während dieser Zeit betrieb Gilbert den Holzofen noch für einige Jahre. Man musste auf Gutdünken heizen, ohne Thermometer. Am Nachmittag war die Arbeit nie fertig, wir mussten das Holz für den nächsten Tag bereit machen. 70 Ster im Jahr, eine Unmenge. Die Konkurrenz im Dorf war hart, nicht weniger als sieben Läden in Jaun und zwei in Im Fang gab es. Davon drei Bäckereien. "Ja, es hatte Konkurrenz. Aber es gab auch Arbeit für die, die wollten". Die Armee zum Beispiel, die sehr präsent war im Jauntal. "Die Soldaten waren gute Kunden. Einmal musste ich 500 kg Brot liefern an einem Tag, wir arbeiteten 24 Stunden hintereinander". In der Bäckerei Mooser wurde alles verkauft. Von Lebensmittel über Draht bis Nähartikenl. "Im Laden hatten wir alles, was die Leute wollten. Und hatten wir etwas nicht, haben wir uns organisiert, dass es am nächsten Tag da war". So einfach ist das.

 

Sogar Nachts

"Der Laden war von 6-18 Uhr offen. Ich war immer da, sogar nachts. Eines Abends rief ein Kunde um 22 Uhr an, da sie nicht genügend Brot für ihr Fondue hatten. Ich bin aufgestanden, habe ein Pfund parat gemacht und bin wieder ins Bett". In einer andren Nacht rief man sie an, als kein Schnaps mehr da war zum "schwarzne" (schwarzer Kaffee nach dem Ausgang, Anm. der Bloggerin). Sie öffnet ihr Geschäft immer mit einem Lächeln. "Ich habe meine Stunden nie gezählt. Wir hatten immer am Sonntagnachmittag geschlossen. Da sind wir ausgefahren. Um einen Kunden in seiner Berghütte zu besuchen". Man kann sagen, dass Kathrin ihre Arbeit schätzte. "Ja, ich mochte meine Kundschaft und mit den Kunden zu plaudern. Wir hatten nur Mädchen als Aushilfen im Verkauf. Das erste blieb sieben Jahre, danach kam ihre Schwester die 32 Jahre mitarbeitete. Am Mittag haben wir zusamen am selben Tisch gegessen. Es wurde nie laut". Die Pflegefach-frau der Spitex kümmert sich um die gesundheitlichen Probleme von Gilbert und meint: "Wir kommen gerne nach Jaun, die Leute sind hier so herzlich".

Im Laden verstand Kathrin alle Sprachen, "Eggs, Bread, das ist einfach", verrät sie , die nie gerne reiste, "ausser in der Schweiz, nach  Luzern oder Zermatt". Ganz im Gegensatz zu Gilbert, den es immer irgendwo hin zog. "Wir sind einmal gemeinsam nach Brasilien verreist. Der erste Moment an dem sie glücklich war, war in Zürich, nach der Landung". "Ich mag keine Flugzeuge" entgegnet sie. "So ist das nun mal". Sie flüstert mir ins Ohr: "Zu unserem 25. Hochzeitstag sind wir verreist, ich nach Lourdes und er nach Thailand". Ihr gefiel das Skifahren besser, in Verbier, Montana oder Zermatt - aber die schönsten Pisten sind in Jaun-, er flog lieber mit seinen Kollegen nach Kenia oder an die Elfenbeinküste.

Für Gilbert begannen die Tage manchmal um 22 Uhr. "Früher waren die Kunden nicht so anspruchsvoll. Am Sonntag kamen die Leute um 9 Uhr für ihre Cuchaule (Safran-Zopfteig-BrotAnm. der Bloggerin) , heute muss alles schon um 6 Uhr bereit sein". Man kam von weither für die berühmte Cuchaule. Kathrin korrigiert. Wir haben vorallem 5 mal die Goldmedaille für unsere Mussarda (Süss-pikanter Brotaufstrich mit Senfkörnern, auch Chilbisenf genannt, Anm. der Bloggerin) bekommen. Zu Beginn wurde diese nur im Herbst hergestellt. "Aber die Nachfrage war so gross, dass wir das ganze Jahr liefern mussten, in die ganze Schweiz. Manchmal war das Porto teurer als die Mussarda". Das Paar betont, das sie eine sehr treue Kundschaft hatten."Nach all diesen Jahren, möchte ich mich bei ihnen für die Treue bedanken, vergessen sie das nicht in der Zeitung zu schreiben".

 

Das Geheimniss der Anisbrötli

"Ich bin zufrieden. Ich habe das Rezept meinem Nachfolger weitergegeben und er hat auch eine Medaille gewonnen", verrät Gilbert. "Aber ich habe ihm schon gesagt: du gibst es nicht weiter!" Die Bäckerei Mooser war auch berühmt für ihre Graswürmli mit Zimt (welcher Genuss), die Chüechleni nach dem Rezept seiner Grossmutter und natürlich für die "Änisbrüetleni". Was ist sein Geheimniss? Man mus viele Aniskörner verwenden... Offensichtlich. Kathrin ist in Jaun bestens über den Klatsch informiert. "Wenn es nicht gut geht mit dem Ehemann, Kathrin weiss es", schmunzelt Gilbert. "Stimmt, ich bin in etwa eine Vertrauensperson im Dorf, ähnlich wie ein Pfarrer. Aber ich bleibe diskret". Das soziale Engagement liegt ihr am Herzen. "Jedes mal wenn ich höre, dass jemand ins Altersheim muss, bin ich darüber traurig".

Kathrin und Gilbert Mooser sind bekannt wie ein bunter Hund. Das hat damit zu tun, dass sie im Frühling in der Sendung SRF bi de Lüt aus Jaun im Deutschschweizer Fernsehen zu sehen waren. An fünf Freitagen teilten sie die Sendung mit Felix Thürler, Carmo Rauber, Monika und Patrick Buchs. "Während dem Sommer haben mich alle erkannt. Als ich nach Brig fuhr, haben die Leute im Zug Platz gemacht für mich. Sie sagten, jetzt haben sie also Zeit da sie ihren Laden nicht mehr haben. Am Waterslide haben sie auch etwas für mich gemacht".

 

Wie ein "Crack"

Sogar eine Klasse aus Salgesch ist sie besuchen kommen. " Ich habe ihnen Zvieri gemacht. Ich bin es gewohnt zu reden. Ich mag alle Leute und habe keine Geschichten". Auch mit den portugiesischen Arbeitern, die die Dorfdurchfahrt erneuerten. "Ich habe sie zu mir in die Küche eingeladen an meinem 70. Geburtstag. Ein Jahr später sind sie alle mit einer Torte vorbeigekommen. Ich war ein wenig traurig, als die Arbeiten zu ende gingen". Während sich Gilbert von seine gesundheitlichen Problemen erholt, verrät die rüstige Grossmutter, dass sie nie krank war. "Ich war an keinem Tag krank, habe nie gefehlt während meiner Arbeit. Ich bin eine starke Frau. Ich werde sterben wie ein Crack". Sie überlegt einen Moment: "Aber ich will nicht plötzlich sterben. Ich möchte wenigstens ein paar Tage krank sein. Damit ich noch ein wenig plaudern kann mit den Leuten."

 

Frei übersetzt 

Marlies Remy

 

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